Sandra Galuba

Menschen sind keine Maschinen: Wenn Arbeit zur Lebensrealität passen darf

Menschen sind keine Maschinen: Wenn Arbeit zur Lebensrealität passen darf

Menschen sind keine Maschinen. Klingt selbstverständlich. Im Arbeitsalltag wird es trotzdem erstaunlich schnell vergessen.

Wir haben gute Tage. Wir haben schlechte Tage. Wir haben Kinder, Eltern, Freund:innen, Arzttermine, Handwerker und manchmal schlicht einen Kopf, der morgens beschließt, heute nicht besonders kooperativ zu sein.

Und genau deshalb finde ich die Frage spannend:

Wie organisiert man Arbeit eigentlich, wenn man akzeptiert, dass Menschen ein Leben außerhalb ihrer Arbeit haben?

Es gibt Tage, da ist der Akku einfach leer.

Kennt ihr diese Tage?

Man steht morgens schon irgendwie mit dem falschen Bein auf. Der Kaffee hilft auch nicht. Die Konzentration hat offenbar einen eigenen Termin und jede Aufgabe braucht ungefähr doppelt so viel Kraft und Energie wie sonst.

Ich hatte solche Tage natürlich auch schon.

An einem davon saß ich morgens ungefähr zwei Stunden am Rechner und irgendwann musste ich mir eingestehen: Das wird heute nüscht mehr.

Ich war nicht krank. Ich hatte auch kein Fieber. Es gab auch keinen dramatischen Grund. Ich war einfach nicht gut drauf und mein Akku war leer.

Also hab ich Folgendes getan: Nach einer kurzen Absprache habe ich meinen Rechner zugeklappt und mir den Rest des Tages freigenommen.

Und ja, natürlich bleiben Aufgaben dadurch liegen. Die verschwinden auch nicht aus lauter Rücksichtnahme. Aber manchmal ist es sinnvoller, eine Aufgabe morgen mit voller Konzentration in einer Stunde zu erledigen, als heute vier Stunden angestrengt auf den Bildschirm zu starren und zu hoffen, dass es irgendwie gut wird.

Für mich gehört auch das zu Gesundheit.

Also nicht erst zu reagieren, wenn jemand krank ist, sondern es auch ernst zu nehmen, wenn die eigenen Reserven gerade aufgebraucht sind und vor allem darüber sprechen zu können, ohne erst eine „richtige” Begründung liefern oder schlimmstenfalls mir ausdenken zu müssen.

„Bitte hol dein Kind ab.“

Ein anderer Klassiker beginnt häufig mit einem Anruf.

Die Kita meldet sich: „Mit der Rotznase können wir dein Kind heute leider nicht weiter betreuen. Bitte hol es umgehend ab.“

Der Kalender ist voll, der Tag war genial durchgeplant und um 11 Uhr steht ein Termin drin, später noch zwei Meetings und eigentlich sollte heute unbedingt diese eine Sache fertig werden. Nur hat das Leben allerdings gerade beschlossen, sich nicht für den Kalender zu interessieren.

Bei uns gibt es für solche Situationen eine kurze Checkliste. Abwesenheit kommunizieren, schauen, welche Termine verschoben oder übernommen werden müssen, Kolleg:innen informieren und los.

Am nächsten Morgen stellt sich vielleicht heraus, dass das Kind immer noch krank ist.

Und genau an dieser Stelle finde ich eine unserer Regelungen besonders menschlich und obergeil.

Eltern müssen nicht automatisch morgens mit einem angeschlagenen Kind zum Arzt fahren, nur damit dort ein Papier ausgestellt wird, das bestätigt, was ohnehin längst offensichtlich ist.

Vielleicht hat das Kind die halbe Nacht nicht geschlafen und schläft nun gerade tief und fest. Dann darf und soll es schlafen.

Die Organisation zahlt das Gehalt weiter. Und wenn sich im Laufe des Tages doch eine ruhige Stunde ergibt, in der etwas erledigt werden kann, dann kann das passieren. Wenn nicht, dann eben nicht.

Natürlich braucht Zusammenarbeit Verbindlichkeit. Kolleg:innen müssen wissen, wenn jemand ausfällt und Aufgaben müssen vielleicht neu verteilt werden.

Aber Verbindlichkeit bedeutet für uns nicht, so zu tun, als dürfe im Leben nie etwas Unvorhergesehenes passieren.

Um zwölf ist Pause

Bei uns gibt es einen Zeitpunkt am Tag, an dem erstaunlich viele Kalender gleichzeitig leer werden.

Zwölf Uhr.

Mittagspause für eine Stunde.

Und Mittagspause bedeutet bei uns tatsächlich Pause.

Wenn wir im Office sind, sitzen wir gemeinsam an einem Tisch. Es wird gegessen, erzählt, diskutiert und gelegentlich auch viel Unsinn gequatscht. Ich mag das sehr.

Manchmal verbringe ich meine Pause aber ganz anders. Dann gehe ich ins Gym. Das kann ich über EGYM nutzen und Frachtwerk übernimmt die Kosten dafür. An dieser Stelle einfach mal Danke, ich liebe die vielfältigen Angebote.

Manchmal verlängere ich auch meine Pause, wenn anschließend keine Termine warten. Dann erledige ich private Dinge oder hänge einfach eine Meditation oder Spaziergang hinten an. Wichtig ist zu erwähnen, dass die Pause auch keinen Produktivitätszweck erfüllen muss. Ich muss nachher nicht leistungsfähiger sein, weil ich Sport gemacht habe. Ich muss keine zehntausend Schritte sammeln oder oder oder… Das klingt vielleicht banal. Ist es aber gar nicht.

Denn Gesundheit besteht nicht ausschließlich aus Fitnessangeboten, ergonomischen Schreibtischen, einen räumlichen Rückzugsort, Getränke- und Süssigkeitsangeboten oder einem Jobrad etc.

Manchmal besteht Gesundheit schlicht daraus, zwischendurch nicht arbeiten zu müssen.

Gesundheit braucht manchmal mehr als eine längere Mittagspause

Es gibt allerdings Situationen, in denen Flexibilität und ein langer Urlaub allein nicht reicht:

  • Manchmal braucht Gesundheit professionelle Unterstützung.
  • Manchmal braucht jemand ein Coaching.
  • Manchmal muss ein Arbeitsplatz angepasst werden.
  • Manchmal ist eine längere Auszeit notwendig.
  • Und manchmal ist jemand einfach länger krank.

Dazu gehören auch Dinge wie Sabbaticals, flexible Arbeitszeitmodelle, Gesundheitsangebote oder die Möglichkeit, die Arbeitszeit dauerhaft zu verändern.

Das Leben bleibt nicht immer gleich

Lebensrealitäten verändern sich. Manchmal für einen Tag. Manchmal für einige Monate, manchmal auch dauerhaft.

Ein Kollege musste sich beispielsweise vorübergehend stärker um seine Mutter kümmern, nachdem diese gestürzt war.

Natürlich kann man versuchen, eine solche Situation irgendwie neben einer unveränderten Arbeitswoche zu organisieren. Pflege hier, Arbeit dort, Termine dazwischen und irgendwann noch schlafen.

Man kann aber auch sagen: Gerade passt meine Arbeitszeit nicht zu meinem Leben. Also hat der Kollege seine Arbeitszeit für eine Weile reduziert. Und wenn daraus eine dauerhafte Veränderung geworden wäre, hätte auch das entsprechend angepasst werden können.

Nicht jede schwierige Lebensphase lässt sich mit zwei freien Tagen erledigen

  • Manchmal braucht jemand über Wochen mehr Zeit für die Familie oder sich selbst.
  • Manchmal verändert sich die eigene Gesundheit (Wechseljahre und ja, auch bei Männern).
  • Manchmal möchte jemand eine Weiterbildung machen.
  • Manchmal braucht jemand eine längere Auszeit.
  • Und manchmal merkt man einfach, dass 35 oder 40 Wochenstunden gerade nicht mehr zum eigenen Leben passen.

Dann sollte die erste Frage nicht automatisch lauten: Wie bekommst du dein Leben wieder passend zur Arbeit?

Bessere Frage: Wie bekommen wir die Arbeit gerade passend zu deinem Leben?

Natürlich funktioniert das nicht immer grenzenlos. Wir arbeiten gemeinsam an Projekten, tragen Verantwortung gegenüber Kund:innen und sind voneinander abhängig. Aber zwischen „alles ist möglich“ und „der Vertrag sagt 35 Stunden!!!“ liegt viiiiiiiiiiel Raum und diesen Raum versuchen wir zu nutzen.

Ach und dann kommen ja auch noch Handwerker

Gesundheit und Lebensrealität bestehen allerdings nicht nur aus den großen Themen des Lebens.

Manchmal kommt einfach der Handwerker. „Wir sind zwischen 8:00 und 16:00 Uhr bei Ihnen.“

Großartig und danke für diese präzise Zeitangabe.

Dasselbe gilt für Arzttermine, Behördentermine oder andere Dinge, die sich hartnäckig weigern, ausschließlich außerhalb der Arbeitszeit stattzufinden.

Nicht jede private Unterbrechung braucht bei uns einen komplizierten Prozess. Die anderen müssen lediglich wissen, wann ich nicht verfügbar bin und warum ich in dieser Zeit nicht verfügbar bin, ist weniger wichtig.

Das Privatleben läuft schließlich nicht jeden Montag bis Freitag exakt gleich. Warum sollte Arbeit es tun?

Gesundheit ist auch eine Frage der Kultur

EGYM ist ein Benefit. Flexible Arbeitszeit ist ein Benefit. Remote arbeiten zu können, ist ein Benefit. Ein Sabbatical ist ein Benefit. Coaching ist ein Benefit etc.

Aber all diese Dinge funktionieren nur dann wirklich, wenn die Kultur dahinter ebenfalls funktioniert.

  1. Ein Fitnessangebot bringt wenig, wenn niemand während des Arbeitstages das Gefühl hat, es auch nutzen zu dürfen.
  2. Flexible Arbeitszeit hilft wenig, wenn Menschen trotzdem das Gefühl haben, sich für jeden privaten Termin rechtfertigen zu müssen.
  3. Und eine Regelung für schwierige Lebenssituationen hilft auch nur wenig, wenn niemand darüber sprechen möchte, weil die Sorge besteht, dadurch weniger belastbar zu wirken.

Gesundheit bedeutet deshalb nicht nur, etwas anzubieten. Sie beginnt viel früher, bei Vertrauen und auch bei der Möglichkeit, offen sagen zu können: Heute geht es nicht besonders gut, dass im Kalender, auch ein privater Termin stehen darf und dem gemeinsamen Umgang, wenn das Leben gerade andere Prioritäten setzt.

Arbeit ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Aber sie ist eben nicht unser ganzes Leben!

Menschen sind keine Maschinen – zum Glück!

Über Frachtwerk

Die Frachtwerk GmbH wurde im Jahr 2017 in Berlin als Kombination aus Unternehmensberatung und Softwareentwicklung gegründet. Zu den Projektschwerpunkten gehören Smart City, Logistik und Mobilität. An zwei Standorten, in Berlin und Karlsruhe, arbeiten insgesamt 50 Mitarbeiter:innen daran, das Beste für ihre Kunden zu ermöglichen.

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