Städte stehen vor einer absurden Situation: Sie sollen digitaler werden, Daten besser nutzen, Prozesse automatisieren – und das alles mit knappen Budgets, begrenztem IT-Personal und dem Anspruch, langfristig unabhängig zu bleiben. Proprietäre Softwarelösungen versprechen schnelle Ergebnisse, aber zu einem Preis, der sich oft erst Jahre später zeigt: in Form von Abhängigkeiten, Lizenzkosten und fehlender Anpassbarkeit.
Wir verfolgen (für uns und unsere Projekte) einen anderen Weg. Einen Weg, der auf Offenheit, Zusammenarbeit und geteilte Verantwortung setzt. Mit der Datenplattform CIVITAS/CORE Version 2.0 ebnen wir diesen Weg auch für Städte und Kommunen. Wir zeigen, warum Open Source für urbane Daten und Smart-City-Anwendungen nicht nur eine technische, sondern eine strategische Entscheidung ist. Und wie die gemeinsame Finanzierung durch Kommunen zu einem unerwartet großen Hebel werden kann.
Die Ausgangslage: Was Kommunen ausbremst
Auf dem Weg zur Smart City stehen viele Kommunen vor ähnlichen Herausforderungen: Es werden zwar eine Menge an Daten erhoben, aber durch unterschiedliche fachliche Zuständigkeiten, Systeme und Formate verbleiben diese in Datensilos und können nicht gewinnbringend miteinander verknüpft und ausgewertet werden. So kann es beispielsweise passieren, dass der Erfolg einer gezielten Verkehrsberuhigung nicht systematisch gemessen werden kann, weil die Daten in einem proprietären System liegen.
Auf den ersten Blick scheint die Beschaffung einer kommerziellen Plattform als Software-as-a-Service (SaaS) die effizienteste und einfachste Lösung zu sein. Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich Probleme, die für Kommunen schnell gravierend werden:
Vendor Lock-in ist dabei wohl das drängendste Thema. Wer sich für eine proprietäre Lösung entscheidet, bindet sich an einen einzelnen Anbieter – oft über Jahre oder Jahrzehnte. Anpassungen, Erweiterungen und Integrationen sind nur über diesen Anbieter möglich, häufig zu steigenden Kosten. Für eine Kommune, die ohnehin unter Haushaltsdruck steht, ist das ein erhebliches Risiko.
Dazu kommt die fehlende Transparenz. Bei geschlossener Software kann niemand nachvollziehen, was genau mit den Daten passiert, wie Sicherheitslücken behandelt werden oder ob die Software tatsächlich den eigenen Anforderungen entspricht. Gerade wenn es um Daten der Bürger:innen oder Informationen zu kritischer Infrastruktur geht, ist das ein Problem, das weit über die IT-Abteilung hinausreicht.
Und schließlich: mangelnde Interoperabilität. Proprietäre Systeme sind oft nicht darauf ausgelegt, nahtlos mit den Lösungen anderer Städte oder anderer Anbieter zusammenzuarbeiten. Jede Kommune baut ihre eigene Insel – obwohl die Herausforderungen überall ähnlich sind.
Der Open Source-Gedanke: Public Money, Public Code
Gerade weil in Deutschland 10.747 Kommunen vor ähnlichen Herausforderungen stehen, ergibt das Prinzip “Public Money, Public Code” für sie besonders großen Sinn. Es ist so einfach wie überzeugend: Software, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, sollte auch öffentlich verfügbar sein. Die Free Software Foundation Europe vertritt diese Forderung schon seit Jahren und in der Praxis zeigt sich ihr Mehrwert schnell.
Wenn die Stadt Herrenberg beispielsweise eine Softwarelösung wie das stadtnavi entwickelt und offen zur Verfügung stellt, können alle davon profitieren. Denn warum sollte das gleiche Problem 10.474 mal gelöst werden? Open Source ist dabei nicht gleichbedeutend mit kostenlos. Es bedeutet, dass der Quellcode für die Software offen zugänglich ist und jede Kommune ihn nutzen, anpassen und weiterentwickeln kann. Verbesserungen kommen der Gemeinschaft zugute. Die Kosten für die Weiterentwicklung werden geteilt und der Betrieb erfolgt in der Kommune oder im kommunalen Rechenzentrum.
Für Entscheider:innen in Kommunen bringt der Einsatz von Open Source drei Vorteile:
Digitale Souveränität: Mit Open Source behalten Kommunen die Kontrolle über ihre Daten und ihre Infrastruktur. Sie können den Betreiber und den Dienstleister wechseln und die Software selbst weiterentwickeln. Niemand kann ihnen den Zugang zu ihrer eigenen Plattform entziehen oder die Preise diktieren.
Transparenz und Sicherheit: Offener Quellcode bedeutet, dass Sicherheitslücken schneller gefunden und behoben werden können – nicht nur vom ursprünglichen Entwickler, sondern von einer ganzen Gemeinschaft. Das ist besonders relevant, wenn es um den Umgang mit sensiblen Daten geht.
Nachhaltigkeit: Eine Open Source-Lösung, die von einer aktiven Community getragen wird, ist nicht vom Fortbestand eines einzelnen Unternehmens abhängig. Selbst wenn ein Dienstleister ausfällt, bleibt die Software verfügbar und nutzbar. Das erhöht die Planungssicherheit und schafft Synergien, die mit proprietären Lösungen nicht so leicht entstehen.
CIVITAS/CORE: Gemeinschaftliche Entwicklung in der Praxis
Was in der Theorie überzeugend klingt, gelingt bei CIVITAS/CORE auch in der Umsetzung: Viele Kommunen bündeln ihr Know-how und ihre Mittel, um gemeinsam eine Softwarelösung zu bauen. CIVITAS/CORE ist eine Open-Source-Datenplattform, die unter dem Dach des Vereins Civitas Connect e.V. entsteht. Der Verein wurde 2020 gegründet und vereint mittlerweile über 50 Mitglieder – Städte, Kreise und kommunale Unternehmen. Die Entwicklung von CIVITAS/CORE wird von einer Community aus derzeit 12 Städten, Regionen und kommunalen Unternehmen getragen, die gemeinsam die Anforderungen definieren, die Entwicklung steuern und die Kosten teilen.
Das Besondere: Die Steuerung liegt vollständig in öffentlicher Hand. Die CIVITAS/CORE-Community ist als eigene Abteilung im Verein verankert, laut Satzung nur Gebietskörperschaften und kommunale Unternehmen beitreten können. Es gibt sowohl ein strategisches als auch und ein technisches Komitee, in dem Kommunen gleichberechtigt mitentscheiden. Statt eines Softwareanbieters bestimmen die Kommunen selbst die Richtung.

Gemeinsam mit Partnerfirmen aus dem Stetig && Wandel-Verbund wirken wir als Entwicklungspartner und Betreiber von CIVITAS/CORE-Instanzen an diesem Projekt mit. Seit 2025 kombinieren wir unsere technische Expertise mit dem Erfahrungswissen aus der Community und unterstützen Vereinsmitglieder und weitere Kommunen beim Betrieb. Dabei erleben wir täglich, wie sinnvoll dieses Modell ist: Die Anforderungen kommen direkt aus der kommunalen Praxis und die Ergebnisse stehen allen zur Verfügung.
Version 2.0: Ein Meilenstein für die kommunale Dateninfrastruktur
Seit August 2026 steht der Release Candidate von CIVITAS/CORE Version 2.0 zum Testen bereit. Und künftig bietet die V2 noch mehr Handlungsspielraum im Umgang mit Daten verschiedener Formate und Strukturen. Kommunen können Datenmodelle frei definieren und Datenflüsse flexibel konfigurieren – ohne für jeden neuen Anwendungsfall eine individuelle Entwicklung beauftragen zu müssen. Parallel dazu erreichen Nutzende und Fachanwender:innen künftig alle Funktionen über eine einheitliche Oberfläche. Und das erleichtert den Alltag immens: weniger Komplexität für die Nutzer:innen, schnellere Einarbeitung, geringerer Schulungsaufwand.

Neben Dashboards mit Apache Superset, eine Geoserver-Integration und die Nutzung von “DataPools” als Strukturkonzept für Datensets bringt die v2 auch die Konformität zur BSI-Richtlinie für urbane Datenplattformen (BSI TR-03187) mit. Ob es um die Integration von Sensordaten geht, um die Bereitstellung von verschiedenen Daten für Fachverfahren oder die Entwicklung eines spezifischen Dashboards oder einer datenbasierten App: CIVITAS/CORE schafft die Grundlage für verschiedenste Anwendungsfälle.
Die Chance der Vielen: Gemeinsame Finanzierung
Was viele Kommunen bisher unterschätzen, ist die Hebelwirkung gemeinsamer Finanzierung.
Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Wenn eine einzelne Kommune eine urbane Datenplattform nach ihren Anforderungen entwickeln lässt, summieren sich die Kosten für Konzeption, Entwicklung, Betrieb und Weiterentwicklung schnell auf einen sechsstelligen Betrag – pro Jahr. Das ist für viele Kommunen, vor allem in Haushaltsnotlage, nicht darstellbar.
Jetzt das Gegenmodell: Wenn viele Kommunen ihre Anforderungen bündeln und die Entwicklung gemeinsam finanzieren, zahlt jede nur einen Bruchteil dessen, was eine Eigenentwicklung kosten würde. Und bekommt eine Lösung, die auf den Erfahrungen und Anforderungen aller aufsetzt. Das ist genau das Modell von Civitas Connect e.V., der die Betreuung und Weiterentwicklung der Software langfristig über Mitgliedsbeiträge finanziert (abhängig von der Einwohnerzahl zwischen 6.000 und 18.000 Euro jährlich).
Und weil die Software Open Source ist, wird die Hebelwirkung noch größer: Jede Kommune in Deutschland kann CIVITAS/CORE einsetzen – unabhängig davon, ob sie Mitglied ist oder nicht. Die Investition einer kleinen Gruppe kommt potenziell Tausenden von Kommunen zugute. Je mehr Kommunen die Plattform einsetzen, desto mehr Feedback fließt zurück, desto mehr Verbesserungen entstehen und desto besser wird die Software für alle. Dieses Modell dreht die übliche Logik um. Statt geschlossener Software entsteht ein gemeinsamer Standard, der von der kommunalen Praxis getragen wird.
Sascha Götz, Programmleiter Smart City der Stadt Bamberg, hat es schon 2024 treffend formuliert: “Auch für eine Stadt in Haushaltsnotlage ist es ein großer Gewinn, an einer solchen Gemeinschaft teilzuhaben und eine Lösung für alle Kommunen in Deutschland mitzugestalten.”
Warum Open Source zu deiner Kommune passt
Wenn du in einer Kommune oder einem kommunalen Unternehmen für Digitalisierung, IT oder Smart City verantwortlich bist, stehst du regelmäßig vor der Entscheidung, Software zu beschaffen. Warum es sich lohnt, Open Source Lösungen zu berücksichtigen, kannst du mit den folgenden Fragen herausfinden:
Wie abhängig seid ihr aktuell von einzelnen Softwareanbietern? Wenn ein Anbieter morgen die Preise verdoppelt oder den Support einstellt – was passiert dann mit euren Daten und Prozessen? Open Source gibt euch die Freiheit, jederzeit den Dienstleister zu wechseln oder die Software selbst weiter zu betreiben.
Wie viel zahlt ihr für Lösungen, die andere Kommunen genauso brauchen? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eure Nachbarkommunen vor exakt denselben Herausforderungen stehen. Gemeinsame Entwicklung und Finanzierung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Weitsicht.
Wie zukunftssicher sind eure aktuellen Systeme? Proprietäre Plattformen folgen der Roadmap des Anbieters. Bei einer Community-Lösung wie CIVITAS/CORE bestimmen die Kommunen selbst, wohin die Reise geht. Die Roadmap mit festen Release-Zyklen bietet Planungssicherheit. Eine klare Governance-Struktur stellt sicher, dass die Weiterentwicklung über Jahre hinweg gesichert ist und relevante Richtlinien (z. B. NIS2) und Standards verlässlich umgesetzt werden
Unser Beitrag: Wie Stetig && Wandel und Frachtwerk Kommunen unterstützen
Warum wir und Stetig && Wandel unsere Expertise gerne mit und für die Kommunen einsetzen? Wir glauben, dass Zusammenarbeit mehr bewirkt als Konkurrenzdenken. Dass Open Source-Projekte und nachhaltige Entwicklung einen positiven Einfluss auf die Welt haben können. Und dass Arbeit zu mehr führen sollte als nur Profit. Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen der Open-Source-Community und der kommunalen Praxis.
Und weil wir wissen, was in der Gemeinschaft möglich wird, tun wir das nicht allein: Als Teil der Unternehmensgruppe Stetig && Wandel bringen wir gemeinsam mit unseren Partnerfirmen ein breites Kompetenzspektrum in die Entwicklung und den Betrieb von CIVITAS/CORE ein. Ob Softwareentwicklung, IT-Sicherheit, IoT-Integration oder Beratung – die gebündelten Fähigkeiten unseres Verbunds ermöglichen es uns, Kommunen ganzheitlich zu begleiten.
Konkret heißt das: Wir entwickeln aktiv an der Plattform mit, betreiben Instanzen für Kommunen und beraten bei der Integration in bestehende IT-Landschaften. Dabei arbeiten wir gerne auf Augenhöhe – wir bauen keine Abhängigkeiten auf, sondern befähigen Kommunen, ihre Dateninfrastruktur souverän zu betreiben. Wir entwerfen Systemarchitekturen und Datenflüsse, schaffen Datenräume, die modular mitwachsen können, und beraten bei der Anbindung von Fachverfahren. Wenn nötig, entwickeln wir zusätzlich Oberflächen, Portale oder Apps, mit denen Daten einfach genutzt werden können.
Der größte Benefit für uns: Jede Verbesserung, die wir im Rahmen der CIVITAS/CORE-Entwicklung einbringen, steht allen zur Verfügung. Das entspricht genau unserem Motto: „Gemeinsam die Welt von morgen gestalten. Digital. Nachhaltig.“
Der richtige Zeitpunkt ist jetzt
Kommunen, die bisher gezögert haben oder umsteigen wollen, bekommen mit der V2 die Chance, eine unabhängige Datenplattform aufzubauen. Sie können zu überschaubaren Einstiegskosten auf der Arbeit einer wachsenden Community aufsetzen und künftig gemeinsam Lösungen finden. Alle, die noch am Anfang stehen, können jetzt einsteigen, von den Erfahrungen der Community profitieren und mitwachsen.
Für uns ist Open Source ein Herzensthema, insbesondere im kommunalen Bereich. Daher freuen wir uns auf den Austausch mit euch. Egal ob ihr schon mitten in der Smart-City-Umsetzung steckt, gerade erste Erfahrungen sammelt oder zunächst über eine Datenstrategie nachdenkt – meldet euch gerne bei uns. Gemeinsam finden wir heraus, wie wir euch mit Open Source auf eurem Weg unterstützen können.
