Am Sonntag, 01.02.2026, ist wieder Digital Independence Day. An jedem ersten Sonntag im Monat nehmen wir uns bewusst vor, mindestens einen Schritt weg von Big Tech Plattformen zu machen und stattdessen transparentere, freie oder zumindest weniger problematische Alternativen zu nutzen.
Getrieben von profitorientierten Unternehmen, deren Popularität über Jahre hinweg zu faktischen Monopolen gewachsen ist, geben wir heute einen erheblichen Teil unserer digitalen Selbstbestimmung ab. Diese Konzerne beeinflussen längst nicht mehr nur unser privates Nutzungsverhalten, sondern gewinnen zunehmend auch wirtschaftlichen und politischen Einfluss.
Auf dem Congress des Chaos Computer Club, dem 39. Chaos Communication Congress, wurde zur Etablierung des Digital Independence Day aufgerufen. Er soll als wiederkehrender Impuls dienen, sich mit der eigenen digitalen Souveränität auseinanderzusetzen.
Der Nutzen einer Plattform steigt, je mehr Menschen sie verwenden. Nicht, weil sie objektiv immer die beste Lösung ist, sondern weil Kommunikation, Austausch und Zusammenarbeit an der Nutzerzahl hängen. Wenn die Menschen um uns herum auf einer Plattform sind, wird ein Wechsel automatisch erschwert. Genau darauf zielt der Satz ab, den Linus Neumann im Umfeld des 39C3 geprägt hat: „Der Netzwerkeffekt, das sind wir, das ist nicht die Plattform.“
Der Effekt entsteht durch unser Verhalten und unsere Gewohnheiten und genau dort können wir ihn auch verändern, Schritt für Schritt.
Was bedeutet digitale Unabhängigkeit
Digitale Unabhängigkeit bedeutet, die Kontrolle über digitale Infrastrukturen, Daten und Prozesse nicht dauerhaft an wenige dominante Anbieter abzugeben. Sie beschreibt die Fähigkeit von Einzelpersonen, Unternehmen und öffentlichen Institutionen, selbst zu entscheiden, wo Daten liegen, wer Zugriff hat und unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen digitale Systeme betrieben werden. Im praktischen Sinne geht es um den eigenen Entscheidungsspielräume der digitalen Präsenz.
Dabei geht es nicht um einen vollständigen Verzicht auf Cloud Technologien oder moderne Services. Digitale Unabhängigkeit ist kein Gegenentwurf zur Cloud, sondern ein Gegenentwurf zu Cloud-Only-Strategien, bei denen es keine realistische Alternative mehr gibt und zentrale Abhängigkeiten entstehen. Kritisch wird es dort, wo geschlossene Systeme keinen Wechsel zulassen, Schnittstellen fehlen oder ein Anbieterwechsel wirtschaftlich und organisatorisch kaum noch realisierbar ist.
Open-Source-Software spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Offener Quellcode schafft Transparenz, reduziert Abhängigkeiten und ermöglicht es, Systeme langfristig weiter zu betreiben oder anzupassen auch dann, wenn sich Geschäftsmodelle oder Marktbedingungen ändern. Gerade für Unternehmen sollte Planbarkeit ein entscheidender Faktor für nachhaltige IT-Strategien sein.

Wo Unternehmen heute digitale Unabhängigkeit abgeben
In der Praxis geben viele Unternehmen ihre digitale Unabhängigkeit schrittweise ab, oft ohne eine bewusste strategische Entscheidung zu treffen. Besonders deutlich zeigt sich das bei Identitäten, Kommunikation und Datenspeicherung. Zentrale Benutzerkonten werden von externen Plattformen verwaltet, die gleichzeitig den Zugang zu E-Mail, Dateien, Zusammenarbeit und administrativen Funktionen steuern. Dadurch entsteht eine enge Bindung an ein einzelnes Ökosystem, das weit über eine einzelne Software hinausgeht.
Diese Abhängigkeit wird zusätzlich durch Bündelsysteme verstärkt. Betriebssysteme, Office-Anwendungen und Cloud-Dienste sind oft so aufeinander abgestimmt, dass Funktionen, Identitäten und Datenflüsse eng zusammenlaufen. Einzelne Komponenten lassen sich zwar grundsätzlich ersetzen, in der Praxis ist das aber häufig mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Schnittstellen müssen neu aufgebaut, Berechtigungen neu gedacht und Arbeitsabläufe angepasst werden. Ein Wechsel betrifft damit nicht nur eine Anwendung, sondern oft auch etablierte Prozesse im Unternehmen.
Hinzu kommt die Frage der Rechtsräume. Datenresidenz klingt gut, doch Datenhoheit ist mehr als der Standort eines Rechenzentrums. Viele Anbieter unterliegen gesetzlichen Zugriffsmöglichkeiten, selbst wenn die Rechenzentren in Europa stehen. Die Diskussion um den US CLOUD Act und die Frage, inwiefern US Anbieter Zugriffe rechtlich nicht vollständig ausschließen können, verdeutlicht diese Problematik deutlich.

Umsetzung durch uns als Open-Source-Systemhaus
Als Open-Source-Systemhaus unterstützen wir Unternehmen dabei, digitale Unabhängigkeit schrittweise und praxisnah umzusetzen. Unser Ansatz basiert nicht auf dem vollständigen Austausch bestehender Systeme, sondern auf dem gezielten Einsatz freier Software dort, wo Abhängigkeiten sinnvoll reduziert werden können.
Statt geschlossener Ökosysteme setzen wir auf modular aufgebaute Lösungen, die virtualisiert, selbst betrieben und kontrolliert verwaltet werden. Für Dateiablagen kommt beispielsweise Seafile als Alternative zu proprietären OneDrive zum Einsatz. Für Kommunikation und Zusammenarbeit kombinieren wir Mattermost mit Jitsi, um Chat und Videokonferenzen unabhängig von Microsoft und deren Lizenzmodellen zu ermöglichen. Hinzu kommt Vaultwarden als Passwortmanagement, betrieben in einer abgeschotteten Umgebung mit zentraler Verwaltung mit Hilfe von Authentik. Der Betrieb erfolgt ausschließlich in Rechenzentren in der EU und unter Einhaltung der DSGVO. Alle von uns eingesetzten und unterstützten Lösungen dokumentieren wir in unserem Open Source Wiki.
Abschlussgedanke
Der Digital Independence Day ist kein Produkt, kein Service und kein Versprechen eines Technologieanbieters. Wie Linus Neumann betonte:
„Der Netzwerkeffekt, das sind wir. Das ist nicht die Plattform.“
Und weiter:
„Der Digital Independence Day ist etwas, das müssen wir selber machen – gemeinsam, in kleinen Schritten.“
Genau darin liegt der Kern des Digital Independence Day. Digitale Unabhängigkeit entsteht nicht durch einen radikalen Umbruch, sondern durch bewusste Entscheidungen. Jede noch so kleine Maßnahme kann dazu beitragen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Alternativen kennenzulernen. Ob durch eigene Schritte, durch Beratung oder durch den Austausch mit anderen.
Der Chaos Computer Club bietet rund um den Digital Independence Day Veranstaltungen und Austauschformate an, bei denen man sich konkret über Maßnahmen, Werkzeuge und Erfahrungen informieren kann. Eine Übersicht der Termine findest du auf: https://termine.di.day/.
Wer digitale Unabhängigkeit auch im eigenen Unternehmen angehen möchte, muss diesen Weg nicht allein gehen. Bucht direkt einen Erstgespräch hier, um gemeinsam zu prüfen, wo Abhängigkeiten bestehen und welche Schritte sinnvoll und realistisch umsetzbar sind. Ganz im Sinne des Digital Independence Day: pragmatisch, schrittweise und selbstbestimmt.
